Fikkefuchs ist ein Knaller.
— Süddeutsche Zeitung
 Artwork: Johannes Stoll

Artwork: Johannes Stoll

Inhalt

Rocky war einst ein echter Frauenheld, zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung, doch seine besten Tage liegen mittlerweile längst hinter ihm. Das hält den Möchtergern-Casanova jedoch nicht davon ab, weiterhin jungen Frauen hinterherzusteigen. Kurz vor seinem 50. Geburtstag steht plötzlich einen junger Mann namens Thorben vor seiner Tür, der behauptet, sein Sohn zu sein, und ein Problem hat: denn Thorben weiß nicht, wie man Frauen rumkriegt und will von seinem Arschloch-Vater, der sich nie um ihn gekümmert hat, wenigstens das beigebracht bekommen. Rocky ist fest davon überzeugt, mit der Zeugung dieser kleinen Missgeburt nichts zu tun gehabt zu haben, aber den nicht ganz unproblematischen jungen Mann mit ein paar coolen Sprüchen wieder loszuwerden erweist sich als Fehlanzeige. Als willigt Rocky ein, ihm die basics beizubringen, vorausgesetzt, dass er ihn dann wieder in Ruhe lässt. Doch nicht nur merkt Rocky ziemlich schnell, dass bei Thorben eine Menge Arbeit nötig ist. Auch der Sohn kann bald nicht mehr ignorieren, dass es mit den Aufreißergeschichten seines Vaters nicht allzu weit her ist. Ein erster Abend in freier Wildbahn endet in einem Desaster und Thorben entscheidet, dass sie offenbar beide professionelle Hilfe brauchen ...

Eine filmische Stinkbombe
— filmjournal

Wovon erzählt Ihr Film Fikkefuchs?

Wir erzählen von einer Kommunikationsstörung, von einer Sprachlosigkeit und Ratlosigkeit zwischen Mann und Frau in Geschlechterfragen im Umgebungslärm der angeblich sexuell befreiten Gesellschaft. Wir haben versucht, in die Stille hinter diesen Lärm hineinzuhören.

Welchen Lärm meinen Sie?

Die übersexualisierte, verpornte, tabulose Gesellschaft, die aus der sogenannten sexuellen Revolution hervorgegangen ist - mit Megabordellen an jeder Autobahnabfahrt und der Hobbyhuren-App für das Smartphone. In den letzten fünfzig Jahren haben wir ja sozusagen eine komplette Umkehrung der Verhältnisse erlebt. Aus einer verklemmten, repressiven Zeit sind wir in eine geheimnislose, tabulose, obszöne Zeit gefallen, beschleunigt durch das Internet, wo unter dem Schutz der Anonymität auch noch die allerletzten Hemmungen gefallen sind. In Fikkefuchs versuchen wir nun einerseits, das Unbehagen zu artikulieren, das einen bei Phänomenen wie Youporn, Tinder, Swingerclubs und Flat-Rate-Sexclubs überfällt, andererseits wollen wir begreifen, was da eigentlich mit uns geschieht. Sind wir wirklich so? Sind diese Fratzen, die uns da teilweise entgegengrinsen, wirklich noch wir? Und wie soll ein Mann sich heute eigentlich verhalten und mit den ganzen Widersprüchen und Anfechtungen seines Trieblebens umgehen? Kontrollieren wir unsere Sehnsüchte überhaupt noch, kennen wir sie, oder sind sie immer schon vom Markt instrumentalisiert und letztlich fremdgesteuerte Projektionen, denen wir nur wie Idioten hinterherhecheln? Sind Mann und Frau im Umgang miteinander wirklich freier geworden?

Also eine Art Expedition ins Männerreich?

Ja. Ein wenig übertrieben natürlich. Aber es hat schon so etwas von einer Bestandsaufnahme männlicher Rollenbilder und kann daher hoffentlich auch für Frauen interessant sein, obwohl wir ganz bewusst nur die männlichen Seelen- bzw. Sexualtriebsnöte auszuleuchten versuchen. Die große Mehrzahl der Verhältnisse, die um die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau herum entstehen, sind prekär und voller Untiefen, Maskeraden, Scheinheiligkeiten. Sehen wir uns denn überhaupt wirklich, nehmen wir uns in unseren innersten Bedürfnissen tatsächlich wahr? Manchmal habe ich den Eindruck, dass Mann und Frau sich wie zwei Spiegel gegenüberstehen - ganz gleich, was man dazwischen hält, verschwindet in beide Richtungen in einer ins Unendliche gehenden Projektion von Missverständnissen.

Das klingt aber eher traurig als lustig.

Woody Allen sagt: Komödie ist Tragödie plus Zeit. Und tatsächlich finde ich die Situation dann doch eher komisch. Wenn ich allein an die ganzen Geschichten aus meinem näheren Bekanntenkreis denke, die ganzen Betrugs-, Seitensprungs- und Scheidungsdramen. Immer wieder kollidieren die komplett unterschiedlichen Vorstellungen über Treue, Liebe, Sexualität etc. miteinander, die nach wie vor erheblichen Zündstoff zwischen den Geschlechtern bilden, obwohl es einem  bisweilen zunehmend schwerfällt, das noch ernst zu nehmen oder tragisch zu sehen.

Sie haben also Ihre privaten Probleme verfilmt?

Ich hoffe, nicht nur meine. Ich denke, alle Männer, wenn sie ehrlich sind, erkennen sich ein wenig in unseren beiden Hauptfiguren wieder, die natürlich überzeichnet sind. Sie sind Clowns oder Narren, die schwierige und unangenehme Wahrheiten aussprechen. 

Wie kamen Sie auf die Idee zu dieser Geschichte?

Anfang der 00'er Jahre sah ich in Paris "Die Vagina Monologe" von Eve Ensler. Ich war begeistert und wollte sofort das fällig Pendant dazu schreiben, also die "Penis Monologe." Nach zwanzig Jahren Feminismus schien es mir interessant, vielleicht einmal darauf hinzuweisen, dass Männer mit ihrem Geschlechtsteil nicht unbedingt weniger Probleme haben als die Frauen mit ihrem. Nur eben ganz andere. Ich begann damit, Männer über ihre Sexualität zu befragen. Das Problem war nur: Hetero-Männer reden darüber nicht gern, jedenfalls nicht mit Männern. Sie weichen aus, oder sie lügen einfach. Deshalb blieb der Stoff dann auch weiterhin erst einmal jahrelang liegen, vielleicht auch, weil ich mich selber nicht so recht an die Sache herantraute. Im Film sagt die Figur Wilson irgendwann: "Ihr Männer müsst reden miteinander. Euch muss klarwerden, dass das, was die Frauen sich an Freiheiten erkämpft haben, auch etwas mit Euch gemacht hat." Aber das hat eben auch bei mir seine Zeit gedauert.

Männer reden nicht über ihre sexuellen Probleme?

Na, fragen Sie doch mal Ihre Freunde und Bekannten nach ihrem Pornokonsum, ihrer sexuellen Auslastung oder Erfüllung in ihrer Beziehung oder Ehe, nach ihren Seitensprüngen oder Bordellbesuchen, oder die Singles nach ihren tollen Erfolgen bei der Suche nach der Partnerin für die Nacht. 

Und wie ist das bei den Frauen?

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Wir haben in der Vorbereitungsphase des Films einmal versucht, darüber etwas Verlässliches herauszufinden, Diskussionsrunden organisiert, um zu erfahren, was sich in der Realität wirklich abspielt. Wir hatten nämlich plötzlich die Befürchtung, dass es die Probleme, an denen Thorben leidet, vielleicht gar nicht mehr gibt und heute alles cool und easy läuft, über Tinder oder so. Leider kam dabei aber nichts Belastbares heraus, denn unter Bekannten werden derartige Gespräch ja auch nicht immer offen geführt, wenn zum Beispiel der Freund mit am Tisch sitzt oder so.

Frauen sind doch heute offensiver und holen sich, was sie wollen.

Ja, das mag sein. Aber was wollen sie wirklich? Unverbindlichen Sex? Einen Typen für die Nacht? Wohl kaum. Oder vermutlich nur phasenweise. Von den Durchschnitts-Männern, die wir gesprochen haben, hat jedenfalls keiner gesagt, dass er sich vor Frauen neuerdings nicht mehr retten könnte und im Vergleich zu früher ständig von Frauen angesprochen oder gar angemacht würde. Die alte Rollenverteilung, dass der Mann die Initiative ergreift und die Frau abwartet, herrscht noch immer vor, was ja auch logisch ist, denn wo kein Mangel an Nachfrage herrscht, entsteht für die Frau auch keinerlei Handlungsbedarf. Angebot und Nachfrage sind eben sehr unterschiedlich verteilt. Deshalb muss die eine Seite noch immer vor allem aktiv sein und die andere Seite ständig abwehren.

So wie auf diesem You-Tube-Vidio der jungen Frau, die durch New York läuft.

Wir haben das mit Franz Rogowski in Berlin mal nachgedreht, um sozusagen das andere Extrem zu zeigen: statt ständiger Anmache überhaupt keine Reaktion. Es muss natürlich total ätzend sein, ständig angemacht zu werden. Aber das Gegenteil ist auch nicht gerade erhebend. Unsere Figur Thorben revoltiert gegen diesen Zustand. Thorben will auch einmal die Blume sein und nicht immer nur die Biene. Er empfindet es als himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass er die Lust der Frauen nicht in gleicher Weise auf sich lenken kann, wie die es mühelos schaffen, das Begehren der Männer ständig auf sich zu ziehen, sogar gegen deren Willen. Thorben ist neidisch auf diese Macht, er fühlt sich machtlos und außerdem missverstanden. Er will ja gar nicht der dumpfe Anbaggertyp sein, als der er rüberkommt. Er will Gleichberechtigung. Die Frauen sollten gefälligst auch mal zu ihm kommen. Und er will ehrlich sein, denen nichts vormachen. Er sieht nicht ein, warum alles immer noch nach den alten Regeln laufen soll, dreimal Kino, Pizza und Rotwein, bis es dann vielleicht endlich mal passiert - oder auch nicht. Für ihn machen sich alle Männer nur zum Horst bei diesem Spiel, weil doch sowieso jeder von Anfang an weiß, dass es nur um das eine geht, was man aber nicht sagen darf oder soll. Das ist Thorbens Problem. Er sagt: ich mache da nicht mehr mit! Gleichberechtigung bitte schön. Sollen die doch kommen.

Die kommen aber nicht!

Eben. Und das finde ich komisch, Thorben aber irgendwann nicht mehr, und dann rastet er aus.

Also doch ein typischer Sex-Aggro?

Nein. Ein schwanzgesteuerter Honk ist Thorben eben gerade nicht. Die haben ja seltsamerweise sehr oft Erfolg, sogar bei klugen, gebildeten und schönen Frauen. Schauen Sie sich doch mal die Alpha-Ehefrauen von Weinstein und Strauss-Kahn an. Glauben Sie im Ernst, die hätten erst aus der Presse erfahren, mit was für einem Typen sie da verheiratet sind?  Aber wie gesagt, diese Männer interessieren mich als Figur nicht, weil sie keinen Riss haben. Die stellen sich ja gar keine Fragen, sondern marschieren ungehemmt triebgesteuert von einer zur nächsten und steigen auf alles drauf, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Thorben ist da anders. Er leidet nicht in erster Linie an seiner unbefriedigten Lust, sondern daran, dass es ihm nicht gelingt, Lustobjekt der Frauen zu werden. Er will nicht um Sex betteln. Thorben will nicht einfach einen weiblichen Körper besitzen, sondern er will etwas, was glaube ich alle Männer in Wirklichkeit ersehnen, ganz egal, wie verquer sie das manchmal anstellen: Sie wollen das Begehren der Frau, ihre Lust. Sie wollen keine Puppe zum durchvögeln, sondern sie wollen das zurückbekommen, was sie selber haben und geben wollen: Lust. Deshalb ist der ganze käufliche Bereich, worunter ja auch die Machtspielchen à la Weinstein fallen, für Thorben keine Option.

Also alles ein Problem von Angebot und Nachfrage?

Auf jeden Fall auch. Gehen Sie mal in einen Saunaclub oder eines dieser Autobahn-Begegnungszentren, nur um einen Eindruck davon zu bekommen, welche Dimensionen dieser Anbahnungs-Markt inzwischen angenommen hat. Dort gehen ja keineswegs nur Männer hin, die in der freien Wildbahn aus welchen Gründen auch immer keine Chance mehr hätten, sondern erstaunlicherweise auch viele junge, gutaussehende Männer, die, wie man auf Nachfrage erfährt, einfach keine Lust mehr auf die "langwierigen Verhandlungen" davor und oft auch noch danach haben, sondern einfach ein elementares Bedürfnis befriedigen wollen. Es ist wirklich ein komischer und zugleich deprimierender Anblick: fünfzig, sechzig Männer aller Altersklassen in Bademänteln und Gummischlappen in einer Art Gogo-Bar. Und auf den Barstühlen und den Sofalandschaften ebenso viele "freiberufliche" Damen im Adamskostüm ... man kommt sich vor, wie in einem Sanatorium. Wie sexuell befreit ist eine Gesellschaft, wo täglich 1 - 1,2 Millionen Männer für Sex bezahlen, Tendenz steigend, Tendenz zunehmend jüngere "Kunden". Sind die alle krank, pervers, gestört, over-sexed und die Frauen, die diesen Service anbieten, alle Opfer? Ich weiß es nicht. Thorben scheitert jedenfalls grandios an dieser unübersichtlichen Gemengelage, wird zunehmend aggressiver und beschließt zu Beginn des Films, seinen Vater um Hilfe zu bitten, den er noch nie gesehen hat, von dem er nur weiß, dass der diese Probleme angeblich nie hatte.

Rocky vertritt also die old school, den Gentleman Verführer.

Ja, so sieht er sich. Allerdings ist er ziemlich in die Jahre gekommen und hat außerdem Prostatakrebs, so dass er eine ziemlich üble Entscheidung treffen muss: operieren und vielleicht impotent werden - oder abwarten und vielleicht bald sterben. Da Rocky jemand ist, der schon immer alles verdrängt hat, was ihm irgendwie nicht in den Kram passte, zum Beispiel auch die Tatsache, dass er einmal einen Sohn gezeugt hat, tut er natürlich nichts.

Das war also die Grundidee, Vater und Sohn, old school versus new school

Ja, dadurch wurde die Geschichte erzählbar, denn schließlich sind ja alle wirklich guten Geschichten immer auch Familiengeschichten. Wir hatten anfänglich ganz andere Konstellationen, den lonesome cowboy und auch mal eine 3-Freunde Fassung, aber erst durch die Vater-Sohn Konstellation nahm das ganze plötzlich an Fahrt auf. Thorben geht zu Rocky, damit der ihm erklärt, wie man die Ladies klarmacht. Um Thorben schnellstens wieder loszuwerden, willigt Rocky schließlich ein, ihm seine Tricks zu zeigen. Das geht total in die Hose, Rocky blamiert sich bis auf die Knochen. Thorben bekommt Mitleid mit dem Alten und bucht für sie beide einen Kurs bei einem Pick-Up Artist, der angeblich eine todsichere Methode hat. Rocky ist begeistert, Thorben eher skeptisch. Mehr will ich nicht erzählen, aber man kann sagen: Vater und Sohn wechseln die Seiten: der Einäugige wird blind, und der Blinde einäugig.

Gut und schön. Aber warum ist der Film so krass in der Umsetzung? Manche Szenen sind wirklich schwer zu ertragen.

Es wäre einfach verlogen, das Erbärmliche der Situation nicht auch in seiner ganzen Erbärmlichkeit zu zeigen. Weichgespülte Komödien gibt es ja zuhauf. Das ganze Thema ist so peinlich, so unangenehm, so zum fremdschämen, da hilft kein Weichzeichner. Daher wollte ich unbedingt Jan Stahlberg für das Projekt gewinnen, weil er in "Muxmäuschenstill" schon einmal das Kunststück fertiggebracht hat, über den kleinen Faschisten in uns allen einen Film zu machen, der sowohl lustig ist, aber auch betroffen macht  - durch eine ganz spezielle Komik. Hier haben wir uns den kleinen Sexisten in uns vorgeknöpft, den triebgesteuerten Mann in seiner Täter- aber auch Opferrolle in der neuen Unübersichtlichkeit. Natürlich tut das teilweise weh, vor allem den Männern, die nicht hören bzw. sehen wollen, dass sie manchmal wirklich so aussehen, genauso erbärmlich sind. Daher müssen wir natürlich damit rechnen, dass es Leute geben wird, die diesen Film ablehnen werden. Da hoffen wir dann übrigens auf die Freundinnen und Ehefrauen. Interessanterweise ist die Reaktion der weiblichen Zuschauer oft nämlich ganz anders. Es gibt auch hier manchmal Ekel und Ablehnung, aber viele Frauen sitzen unablässig glucksend und kichernd im Kinosaal und lachen sich schlapp über so viel Selbstdemontage und bitterböse Wahrhaftigkeit.

Und die Moral von der Geschichte? Gibt es Hoffnung?

Vielleicht gelingt uns ja, was Komödie im besten Fall schaffen kann: über Scham, Schock und Gelächter eine Kommunikation über unaussprechliche Dinge wieder zu ermöglichen, für die man keine gemeinsame Sprache mehr hat. Die Fronten im Geschlechterkampf zu lockern, das wäre ja schon mal ein Anfang, oder?

 

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